Interviews

Interview mit Dr. Brigitte Wolter

"Coaching ist geistiger Hochleistungssport"

Dr. Brigitte Wolter ist seit 2003 als Management-Coach tätig. Ihr Coaching-Verständnis beruht auf der Haltung, dass der Mensch Gestalter seines Lebens ist und kraft seiner Wirkungsweise Einfluss nimmt auf die Systeme, in denen er beheimatet ist. Ihre Coaching-Impulse zielen daher auf die Eigenverantwortung und (Selbst-) Wirksamkeit ihrer Klienten hin.

5 Min.

Thomas W. Klein Frankfurt/Wiesbaden

Wie sind Sie zum Coaching gekommen?

Wesentliche Erfahrungen für mein Wirken als Coach habe ich durch mein naturwissenschaftliches Studium und meine Tätigkeit als Managerin und Führungskraft in der Pharmaindustrie gesammelt. Meine sehr abwechslungsreiche Karriere führte mich zuletzt in die Position der Leiterin für Corporate Communication/Public Affairs. Der Wunsch nach mehr Autonomie in meinem Leben veranlasste mich, mit Anfang 40 den Sprung in die Selbständigkeit als Management-Coach zu wagen, wohl wissend, dass dies kein Spaziergang werden würde. Coach zu werden, übte auf mich eine große Faszination aus und Pionieraufgaben haben mich schon immer gereizt.

Über welche Coaching-Ausbildung(en) bzw.-Qualifikationen verfügen Sie?

Ich habe mich bei der Coaching Akademie Hannover zum Coach der Wirtschaft IHK qualifiziert. Die Ausbildung vermittelte mir den Ansatz des werteorientierten-integrativen Coachings und der Logo(=Sinn)therapie nach V.E. Frankl. Kaum eine Lernerfahrung hat so nachhaltig gewirkt wie diese. Ich habe mich zudem zur Heilpraktikerin Psychotherapie weitergebildet, weniger um zu therapieren, als vielmehr um psychologische Grundkompetenz zu erlangen. Die Wurzeln meiner systemischen Coaching-Kompetenz reichen tief zurück bis in mein naturwissenschaftliches Studium, wo systemisches Zusammenwirken der Kräfte bzw. Maßnahmen allgegenwärtiges Lehrthema war.

Haben Sie Spezialisierungen oder Schwerpunkte?

„Werteorientierte Neuausrichtung“ und „Leadership-Development“ sind die Säulen meiner Coaching-Tätigkeit. Dabei geht es vorrangig um Ziele wie Rollenklärung und Lösung von Führungsproblemen, Selbstmanagement und Optimierung der kommunikativen und emotionalen Kompetenz. Weitere Schwerpunkte sind Umgang mit Komplexität sowie multiperspektivische Gesamtschau auf das eigene Wirken und Bewirken.

Wer ist Ihr typischer Klient bzw. Ihre größte Zielgruppe?

Ich arbeite hauptsächlich im Face-to-Face-Setting mit Personen, die der ersten und zweiten Führungsebene von branchenübergreifenden Verbänden, Organisationen, mittelständigen Unternehmen und Dax-Unternehmen angehören.

Welche Methoden oder Tools haben sich in Ihren Coachings bewährt?

Bewährt haben sich Reflexionsangebote zur Wahrnehmung des eigenen Seins und Wirkens in allen Bereichen des Lebens. Dazu zählen u.a. Identitätsarbeit, z. B. mit dem Fünf-Säulen-Modell nach H.G. Petzold, Wertearbeit, Erklärungsmodelle menschlichen Verhaltens, systemische Interventionen, Einstellungsmodulation, Supervision und Sparring. Und ganz pragamtisch dazu Rollenspiele, z. B. bei der Optimierung der kommunikativen Kompetenz und dem Training zur Vermittlung von Coaching-Skills für Führungskräfte.

Können Sie den typischen Ablauf eines Coaching-Prozesses kurz skizzieren?

Am Anfang steht ein umfassendes Erstgespräch, in dem ich die Erwartungen aller Beteiligten und das Coaching-Ziel sowie formale Aspekte kläre. Dabei spreche ich alle Punkte an, die für eine erfolgreiche Zusammenarbeit wichtig sind. Nach dem Briefing werden alle Vereinbarungen in einem Coaching-Vertrag festgehalten. In den Settings gehe ich nach dem Prinzip der rollenden Planung vor. Die zum Einsatz kommenden Interventionen ergeben sich aus dem Prozess. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass jedes Coaching einzigartig ist und seiner eigenen Dynamik folgt. So kann sich die Lage jederzeit ändern und das Coaching-Ziel in eine neue Richtung lenken.

Haben Sie "Lieblingsfälle"? Also Themen oder Anlässe, die Sie besonders gern betreuen?

Besonders reizvoll finde ich sog. Chef-Chef-Coachings, bei denen zwei Führungskräfte gemeinsam ins Coaching kommen, um Konflikte zu klären und / oder um ihre Arbeitsbeziehung zu verbessern. Außerdem coache ich gerne Anlässe wie die Übernahme und Bewältigung neuer Aufgabenbereiche, werteorientierte Führung und souveräne Außenwirkung.

Was kann Coaching leisten und wo liegen die Grenzen?

Coaching löst verkrustetes Denken auf, führt zu neuen Sichtweisen und Handlungsoptionen, hilft zu klären und zu ordnen und trägt dazu bei, die Lebensqualität zu erhöhen. Diese Effekte lassen sich jedoch nur mit hochmotivierten Klienten erzielen, die bereit und fähig sind, an sich zu arbeiten, und die Ressourcen wie Zeit und Energie dafür mitbringen. Klienten, die nur sporadisch zum Coaching kommen oder sich erschöpft zum nächsten Termin schleppen, tun sich meist schwer damit, von Coaching zu profitieren. Für Klienten, die unfreiwillig kommen oder psychisch erkrankt sind, eignet sich Coaching nicht. Hier bedarf es ggf. anderer Beratungsformate.   

Welche Veränderungen erleben Sie im Coaching?

Klienten berichten oft, dass sie durch Werteklarheit und Einstellungswechsel Distanz zum Geschehen gefunden und dadurch mehr Gelassenheit entwickelt haben. Insbesondere die Erfahrung, Situationen, Probleme und Konflikte meta- und multiperspektivisch zu beleuchten, verändert spürbar und nachhaltig die Art der Bewertung. Es ist auch immer wieder faszinierend mitzuerleben, welche Auswirkungen eine klare Werthaltung in Kombination mit einer anderen Form der Kommunikation hat. Führungskräfte holen ihre Mitarbeiter ganz anders ab und bekommen andere Rückmeldungen als vorher. Das sorgt für weniger Reibung und mehr Arbeitszufriedenheit im Team.

Nennen Sie fünf wesentliche Merkmale von Coaching.

  1. Coaching ist zielgerichtet: Kein Coaching ohne Auftrag und Briefing.
  2. Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe: D.h., der Coach ist in erster Linie Impulsgeber, weniger Ratgeber. Der Klient entwickelt seine Lösungen selbst.
  3. Coaching ist nicht für jeden: Ohne Bereitschaft zur Selbstreflexion und zur Veränderung ist Coaching kontraproduktiv.
  4. Coaching ist geistiger Hochleistungssport: Für den Coach, weil er hochkonzentriert in die Welt des Klienten eintaucht und dort interveniert; für den Klienten, weil er vertrautes Terrain verlässt und neue Denkräume aufsucht.
  5. Coaching ist kein Ersatz für Therapie: Ein Coach sollte wissen, wo die Grenze zu ziehen ist.
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